«DAS LEBEN HAT VIELE FARBEN»
 

Mark Bleuler als Coverstory von SingelTimes 1/04 

 

Der ehemalige Hotel-Manager Mark Bleuler hat in Luzern nicht nur in der Gastronomie Geschichte(n) geschrieben. Als einer der ersten jungen Hotel-Manager seiner Generation erkannte er schon vor Jahrzehnten, dass Gastronomie und Entertainment zu gemeinsamen Event-Erlebnissen zusammengeschmolzen werden müssen. Und so verwundert es auch nicht, dass Mark Bleuler noch heute in verantwortlicher Position für das legendäre Luzerner «Seenachtsfest», das «Löwenfest» und den Weihnachtsmarkt tätig ist.

Mark Bleuler, geboren am 26.05.1943 im Zeichen des Zwillings, stammt aus einer gutbürgerlichen Familie, in der für die Berufswahl der Kinder folgende Regel galt: Keine Kellner. Keine Köche. Keine Coiffeure. Vermutlich aus Trotz und Opposition zu dieser sturen Familienregel erlernte Mark Bleuler trotzdem den Kochberuf. Nach der Lehre gings mil der damals schon erhältlichen «Green Card» – die Bleuler auch heute noch stets bei seinen Ausweispapieren mit sich führt – als Juniorkoch nach Amerika. Erst nach New York, dann nach Cleveland.

 

Doch in Vietnam tobte damals ein schmutziger Krieg und Amerika rekrutierte alle verfügbaren menschlichen Ressourcen für den Militärdienst in Südostasien. Selbst Green-Card-Bürger wie Mark Bleuler, der es allerdings vorzog, die Vereinigten Staaten in einer Nacht- und Nebelaktion zu verlassen: «Ich hatte nichts gegen Vietnam und die Vietnamesen hatten mir nichts getan; warum also sollte ich als Schweizer dort für die Amerikaner kämpfen?»

 
 

Zurück in der Schweiz besuchte Bleuler die Hotelfachschule und setzte seine neu erworbenen Diplom-Kenntnisse – wie das fürs höhere Hotel-Management noch heute üblich ist – in führenden Häusern in Paris, London und Johannesburg in die Praxis um. Stufe um Stufe der Karriereleiter wurde so erklommen.

1969 kam Mark Bleuler wieder zurück in die Schweiz,
um im renommierten Hotel «Zürich» erstmals in einer Top Position als Food- und Beverage-Manager sein Können unter Beweis zu stellen.

Noch im gleichen Jahr folgte die Krönung: Bleuler wurde Direktor eines renommierten Hauses, und zwar vom (damals noch) sehr vornehmen und noblen «Chateau Gütsch» in Luzern, das als Postkartenmotiv und Touristenattraktion auf der ganzen Welt bekannt ist. Entsprechend schmerzt ihn auch der Niedergang des Traditionshotels.

«Es ist eine Affenschande», ereifert sich Bleuler in einem Anfall von heiligem Zorn, «ein Hotel, das unzähligen Postkarten an den Kiosken der Stadt Luzern als Motiv dient, leer stehen zu lassen. Es ist aber auch eine Frechheit und ein Affront gegenüber den Touristen, die Luzern besuchen.» Bleulers Meinung nach hätte Tourismus-Luzern-Direktor Mario Lütolf hier schon lange eingreifen und am runden Tisch zusammen mil allen Beteiligten nach einer adäquaten Lösung suchen müssen.

Doch zurück zu Mark Bleulers Werdegang. Eine neue Herausforderung wartete auf ihn. Von 1976 bis 1981 führte Mark Bleuler das sowohl in die Jahre wie auch in die Verlustzone gekommene «Casino» in Luzern als Direktor zu neuer Blüte und zurück in die schwarzen Zahlen. Alte Zöpfe wie Krawattenzwang, Jeans- und Turnschuhverbot und silberne Kaffeegedecke wurden gnadenlos abgeschnitten. Dafür ertönten in den altehrwürdigen Casino-Räumen plötzlich jazzige Klänge. Oder Blues- und Boogie-Woogie-Künstler liessen das Publikum toben und ich erinnere mich an eine unvergessliche Blues-Gala-Night im Casino, an der als Höhepunkt etliche Luzerner Ladies aus besten Kreisen dem Hammergroove von Blues-Star Errol Dixon ekstatisch auf den Tischen tanzend huldigten.

Mit Bleulers Einzug als Casino-Direktor begann eine neue Ära: mit modernem Entertainment wie Wanderdiscos, Blues- und Jazzveranstaltungen, Modeschauen, Popdarbietungen und Striptease-Shows auf hohem Niveau wurden neue, jüngere Kundensegmente angelockt. Nicht zuletzt profitierte von diesem Imagewechsel die gesamte Tourismusbranche der Stadt Luzern. Es war, als ob jemand frischen Wind in die alten Segel geblasen hätte.

Doch weil Mark Bleuler noch heute der Meinung ist, «... man soll gehen wenns am schönsten ist», verliess er den sicheren Hafen des Luzerner Casinos, um erst als Verkaufsdirektor, später dann als Troubleshooter die «Zentra»-Hotels durch die unruhigen Gewässer der damaligen Immobilien- und Hotelkrise zu steuern. Nach dem Ende der «Zentra Holding» leitete er als Direktor das zum Fredy-Burger-lmperium gehörende Hotel «Flora» in Luzern.

 

Seit letztem Jahr und einem gesundheitlichen Wink mit dem Zaunpfahl, der als Zäsur auf der Intensivstation des Luzerner Kantonsspital endete, schiebt Mark Bleuler nun eine etwas ruhigere Kugel: Er unterrichtet junge HotelfachschülerInnen in einer Managementschule und zum persönlichen Plausch führt er nebenbei noch ein kleines Bistro im «Kleintheater Luzern». Mehr will er nicht mehr. Mark Bleuler: «Ich habe genug von diesem unsäglichen 'Marketing-Gelaber' auf den Direktionsetagen, wo kreative Ideen von Leuten, die nur noch in Formeln denken, bis zur Unkenntlichkeit zerredet werden. Oder endlos lange und zermürbende Strategiesitzungen, die nicht selten jedwelche Kreativität im Keim ersticken. Meine Devise heisst 'machen und nicht lavern...»

 

Mark Bleuler in seiner Küche

 

Mit diesem beherzten Aufruf an die Kreativität entdecken wir die andere Seite vom knallharten Hotelmanager Bleuler: diejenige des hochsensiblen Künstlers. Mark Bleuler malt seit Ende der 80er Jahre. Er malt Bilder.

Es begann mit einer Urlaubsreise nach Gran Canaria mit dem bekannten Luzerner Kunstmaler Luciano Castelli und dessen Zielvorgabe für den ersten Maltag: «Heute werden Kanarienvögel und Fische gemalt!» Gesagt gemalt. Am Abend hatte Mark 20 Blätter voll gemalt. Bemalt. Kanarienvögel und Fische. Doch sie gefielen ihm nicht. Er war enttäuscht und wollte die Blätter ins Meer schmeissen. Doch dann besann er sich eines Besseren und entwickelte seine eigene Theorie der verschiedenen Betrachtungsweisen: «Wenn dir etwas nicht gefällt auf Anhieb, lege es weg. Und schaue es dir später nochmals an. Du wirst überrascht sein.» Mit dieser simplen Erkenntnis wurde Mark Bleulers erste Serie 'gemalter' Tiere vor der Vernichtung und das Meer vor einer Wasserverschmutzung bewahrt: «Hühnervogel und Fischtiere / 1. Serie».

Malen bedeutet für Mark Bleuler die totale Freiheit in seiner gemalten Kreativitat. Dies kann er sich leisten, weil er finanziell nicht vom Verkauf seiner Bilder abhängig ist. Sein Kredo lautet denn auch: «Seit Jahrhunderten wird uns eingebläut, dass Farben und Form aufeinander abgestimmt sein müssen. Doch beim wachen Betrachten der Natur habe ich festgestellt, dass es keine Formen und Farben gibt, die nicht zueinander passen. Sie müssen nur in den richtigen Kontext gebracht werden.»

Malen ist für Mark aber auch Therapie von der trüben Öde
und den Banalitäten des Alltags. Er hat Mühe zuzusehen, wie Menschen von Managern in rüdem Umgangston 'überfahren' und 'zusammengestaucht' werden. Ihn stört die Abzockerei der Schwarzen (Manager-) Schafe, die damit den gesamten Berufsstand des Managers in Verruf bringen. Mark Bleuler ist kein naiver Träumer oder Weltverbesserer. Im Gegenteil: er glaubt an Leistung und damit an eine Leistungsgesellschaft. Mit all ihren Vor- und Nachteilen. «Beim Malen vergesse ich meine gesamte Umwelt und vor allem den täglichen Kleinkram. Ich bin in einer anderen Welt und sehe und erlebe nur, was ich selber tue. Selber erschaffe.»

In Bezug auf seine Partnerschaften macht Mark Bleuler keinen Hehl daraus,
kein einfacher Mensch zu sein. Er pflegt das absolute Singelleben seit vielen Jahren. Alle seine Partnerschaften hatten sich nach kurzer Zeit aufgelöst, da er zu eigenstäandig und zu unberechenbar sei. Aber, und auf diese Feststellung legt er grossen Wert, er versuche, seine Freundschaften intensiv zu pflegen, ärgert sich aber, dass er dazu viel zu wenig Zeit hat.

 

In Zukunft möchte Mark Bleuler – noch immer neugierig wie ein kleines Kind – neue Menschen und neue Kulturen kennenlernen. Mit grosser Begeisterung erzählt er von seinem letztjährigen Trip nach Südostasien, der ihn in den thailandischen Regenwald geführt hat. Weit weg von diesem «grausamen» Massentourismus durfte er Menschen erleben, die vom Tourismus noch nicht «versaut» sind.

 

Ein Blick in Mark Bleulers private Welt

 

Nach mehreren Wochen in der völligen Abgeschiedenheit des thailandischen Regenwaldes, ohne Radio und ohne Zeitung, hatte er anfänglich Probleme, die unaufgeregte Stille seiner kommunikationslosen Zeit zu begreifen, zu verarbeiten. Doch plötzlich hatte er das Gefühl, auf einem anderen Planeten zu sein: nun dämmerte ihm, wie unwichtig so viele angeblich wichtige Dinge in unserem Leben doch sind. Wie wenig es braucht um glücklich zu sein und die innere Zufriedenheit annehmen zu können. Bereit zu sein, sich vom traditionellen Schwarz-Weiss-Denken zu lösen. «Das Leben hat so viele Farben, man muss sie nur sehen. Fühlen. Begreifen.»

Eher unbegreiflich ist für Mark Bleuler der Kunstmarkt geworden, der nach seinem Dafürhalten zum Teil «krank» ist. Bleuler weiss wovon er spricht, denn er hat schon viele Ausstellungen hinter sich. Der Liebhaber von Blues und Jazz wie auch klassischer Musik nennt als besonders herausragende Maler für sich Miro und Kandinsky, vor allem aber den Schweizer Max von Moos. Hans Erni, dem er übrigens recht häufig begegnet ist, respektiert er nicht nur als Maler, sondern auch wegen seiner unbequemen Geisteshaltung, mit der sich Erni nie scheute, unangenehme Wahrheiten zu thematisieren. Wenn auch nicht selten gepaart mit polemischer Polarisierung. Bleuler: «Polarisierung und Polemik sind manchmal wichtig. Vor allem wenn wir die unglaubliche Intoleranz gegenüber Minoritäten sehen. Ich weiss zum Beispiel aus eigener Erfahrung was es heisst, ein 'Foreigner'zu sein.» Wie wahr! Man könnte dem Mann stundenlang zuhören.

Text und Photos JOSEPH BIRRER

Erschienen in der Zeitung SingelTimes 1/04 (April 2004 / Auflage 250'000 Exemplare)


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