LAUDATIO VON DR. GUIDO A. ZÄCH
 

Dr. Guido A. Zäch 

 

«Mableus Impressionen von 51 Komponisten» lautet der Titel einer neuen, vielseitigen Ausstellung im Schweizer Paraplegiker-Zentrum in Nottwil. Bis 11. Oktober 1998 werden rund 60 Tusch-Zeichnungen und Bilder von Mark Bleuler (Luzern) gezeigt. Eröffnet wurde die jüngste Werkschau des malenden Hoteliers in Beisein einer grossen, illustren Gästeschar, darunter Bandleader Pepe Lienhard und Dr. Guido A. Zäch, Chefarzt und Klinikdirektor des SPZ. Musikalisch untermalt wurde die Vernissage vom jungen Pianisten Marc Hunziker.

Laudatio von Dr. Guido A. Zäch

Lieber Mark Bleuler
Verehrte Damen und Herren

Wir haben uns heute Abend zu einer Vernissage besonderer Art zusammengefunden. Denn die Werke, die uns der Künstler offenbart, stellen eine Herausforderung dar, machen besonnen und sind geschaffen von einem Menschen besonderer Art.

Mark Bleuler, 1943 geboren und in Birmensdorf ZH aufgewachsen, hat schon als Kind lieber mit Malstiften hantiert als mit Baukasten gespielt.

Nach der Kochlehre beruflich in der Schweiz und den USA tätig, bildete er sich zum erfolgreichen Hotelfachmann aus und übernahm nach aktivem Management in leitender Position 1987 die Führung der Flora Betriebe in Luzern als Direktor.

Doch heute steht nicht die erfolgsgewohnte Karriere des Workaholic Mark Bleuler – wo jede Minute drückt und jeder Franken zählt – im Vordergrund. Heute möchte sich der ganz andere Mark Bleuler präsentieren. Jener, der sich nächtelang in seiner Kunst verliert und jener Glückliche, dem keine Stunde schlägt und keine Kasse klingelt. Seine innere Wut und Aggression gegen den Alltagsstress verwandelt er beim Malen in ausdrucksvolle Bilder.

Künstlerisches Gestalten als Frustrationsabbau

Seit Kindheit hat er modelliert, geschmiedet und immer wieder gemalt. Als Koch in Amerika schuf er grosse Schaufiguren aus Eis, Schokolade und Margarine, u.a. eine drei Meter hohe Freiheitsstatue. Vom ganzen künstlerischen Schaffen fehlt allerdings mit Ausnahme weniger Gegenstände und eines Linolschnittes aus der Jugendzeit jede Spur. In selbstkritischer Zerstörung hat Mark Bleuler alle seine vielen Bilder und zahllosen Skizzen, die er vor 1988 geschaffen hat, vernichtet.

Das Spannungsfeld zwischen Disharmonie und Ausgeglichenheit ist bis heute noch gross. Doch seit der Eröffnung eines eigenen Ateliers zuerst in Kriens (LU) und seit einem Jahr im ehemaligen Kindergarten in Perlen LU hat er vermehrt zur Harmonie zurückgefunden.

Die erste Einzelausstellung fand 1988 im Hauptsitz der Alusuisse in Zürich statt. In regelmässigen Abständen folgten zehn weitere Ausstellungen.

«Unsere Gesellschaft», sagt Mark Bleuler, «versucht uns seit Jahrhunderten beizubringen, dass Farben und Formen abgestimmt sein müssen. Beim wachen Betrachten lehrt einen nicht nur das Leben, sondern vor allem auch die Natur, dass es keine Farben und Formen gibt, die nicht zueinander passen. Diese These ist meine Triebfeder zum Malen. Meine Zielsetzung ist es, Bilder spontan entstehen zu lassen und auf keine Kompromisse einzugehen.» Soweit das Credo von Mark Bleuler.

Die heutige Ausstellung umfasst zwei Wirkungskreise des gleichen Künstlers aus der gleichen Schaffensperiode von etwa 1994 bis heute. Und doch, sie könnten verschiedener nicht sein. Wenigstens nicht auf den ersten Blick.

Da sind auf der Galerie und in der Begegnungshalle eine ganze Serie von «Disharmonien» ausgestellt, die in Kunstharz-, Aquarell- und Ölfarben-Mischtechnik auf Kunststoffplatten in Farben und Formen eklatante Aussagekraft haben und hier in der Aula und im Vorraum sind die «51 Composers» in Schwarz-Weiss-Tuschzeichnungen auf Chromolux-Hochglanzpapier zu sehen.

Disharmonie

Die Serie Disharmonien scheint mir aus dem Bauch heraus entstanden zu sein – spontan, intuitiv, farbenprächtig bis schrill, von erotischen Motiven durchsetzt, kontrastreich und temperamentvoll. Manchmal ist man an die Kunst der Azteken erinnert, aber auch Assoziationen an fernöstliches und afrikanisches Kunstschaffen kommen auf. Immer wieder ist es ein anderer Umgang mit Materialien, Formen und Farben. Und dabei gleichzeitig beides: Harmonie und Disharmonie. Jedenfalls kommen auch gestörte zwischenmenschliche Beziehungen augenfällig zum Ausdruck. Es sind Werke, die bewegen, anregen, aufregen. Bestimmt sind es Denkanstösse.

51 Composers

Ganz anders wirken die Tuschzeichnungen der bildgewordenen Melodien von 51 Komponisten in schwarz und weiss. Seit Jahrzehnten versucht Mark Bleuler, ein exzellenter Musikkenner, die klassische Musik visuell zu übersetzen. Warum aber schwarz/weiss? Musik kann doch auch farbig sein. Für unseren Künstler ist sie schwarz und weiss wie das Notenblatt, vor allem aber eine Darstellung des Wesentlichen, wie bei der Schwarz-Weiss-Fotografie. Es ist die Reduktion der Dimensionen Zeit, Klang, Gefühl, Erleben auf ein Sinnbild, das jeden Komponisten und seine Musik charakterisieren soll.

Da wird Johann Sebastian Bach dargestellt: Mathematisch klar mit endloser Auflösung der Akkorde. Alles Unnötige ist weggelassen. Da ist Johannes Brahms, gewaltig in Linien und Formen. Oder Franz Liszt mit seiner unerhörten Technik und einfachen, wunderschönen Melodien.

Bis zu John Cage mit seiner Musik, die keine mehr ist, verunsichernd, computerhaft verwirrend gleichsam ein Spiegelbild unserer diskordanten Gesellschaft.

Was mich fasziniert ist die Sichtbarmachung und Interpretation klassischer Komponisten und ihrer Kompositionen. «Einmal mit den Augen hören» – so hat es Roland Spengler umschrieben. Im Griechischen heisst die Verknüpfung verschiedener Empfindungen oder die Erregung eines Sinnesorganes, die sich einem anderen Sinnesorgan mitteilt, Synästhesie.

Mit Ihren zum Bild gewordenen Melodien, mit ihrer Klangmalerei. haben Sie eine neue Ausdrucksform der Kunst, nämlich die Synästhesie gefunden. Dazu, lieber Mark Bleuler, möchte ich Sie beglückwünschen, und Ihnen liebe Freundinnen und Freunde von Mark Bleuler, liebe Kunstfreunde, möchte ich für Ihr heutiges Erscheinen herzlich danken. Ihnen allen wünsche ich einen sinnvollen und bereichernden Abend.

Guido A. Zäch

Luzerner Rundschau, 24.9.1998


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